Fürstenhagen (Hessisch Lichtenau)

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Fürstenhagener Geschichte

Im Anfang war das Wasser. Und das fanden die aus den fruchtbareren Gebieten unserer Heimat in die unwirtliche Gegend der Hochebene verschlagenen Siedler zum Ende des 1. Jahrtausends reichlich vor. Wer weiß schon, daß die vom Walberg kommende Losse durch Saubach und Fischbach in unserer Gemarkung verstärkt, am Zusammentreffen von Kaufunger Wald und dem Ausläufer der Söhre – Kirschenberg – ihr Tal beginnt?


Bestimmt ist die 1. urkundliche Erwähnung unseres Ortes Fürstenhagen -1310 wird in einer Grundstücksregelung des Kloster Hasungen ein Gerlacus von Vorstenhayn als Zeuge erwähnt – nicht gleichzeitig das Gründungsjahr.

Das müssen wir 30 bis 40 Jahre früher ansetzen, als sich mit der Gründung der Stadt Lichtenau die Gegebenheiten auf unserer Hochebene änderten. Viele Bewohner der Streusiedlungen und Kleinstorte im nordwestlichen Bereich, die seit dieser Zeit nicht mehr erwähnten Wüstungen Fischbach, Bezzerode, Rohrbach und vielleicht Hollenbach folgten den verlockenden Siedlungsbedingungen Landgraf Heinrich I.

Sie zogen hinter die ihnen sicherer erscheinenden Stadtmauern von Lichtenau. Die „draußen vor dem Tore“, teils wollten sie nicht, teils durften sie nicht, rückten dann ihrerseits angesichts der unsicheren Zeiten zusammen. Am versorgungsmäßig günstigen Zusammenfluß von Fischbach und Losse gründeten sie eine neue Siedlung. Da die Wälder und Felder ringsum aus dem Erbe der Reichenbacher Grafen weitgehend dem Landgrafen gehörten, unterstellte man sich dem absoluten fürstlichen Patronat. So entstand wohl auch der Name: Vorstenhayn, später Fürstenhayn und schließlich Fürstenhagen.


Das 1. Jahrhundert der Ortsgeschichte war gekennzeichnet von den häufigen Verpfändungen dieses landgräflichen Besitzes mit etwa 20 bis 25 Hausgeseß (Anwesen) und ca. 180 bis 200 Einwohnern. Kommissarische Herren waren die Diete von Fürstenstein und kurze Zeit noch der Deutsche Ritterorden.

Dieser kirchliche Orden mit sehr viel weltlichen Manipulationen war um 1190 als „Orden der Ritter des Hospitals Sankt Marien der Deutschen zu Jerusalem“, später kurz „Deutscher Ritterorden“ im Heiligen Land gegründet worden. Seine ersten territorialen Besitzungen nach der Vertreibung zurück nach Deutschland waren durch Schenkungen der Grafen von Reichenbach um und in der Lichtenauer Hochebene, in der Gemarkung Fürstenhagen.

Vor der Ortsgründung sind Fischbach und Bezzerode als’Ordensbesitz urkundlich nachgewiesen. Das störte und interessierte die mit Rodungen, Weidewirtschaft und dem Ringen um die kargen Ackererträge voll beschäftigten Bewohner recht wenig.

Sicher war die erste Kirche auf dem hochgelegenen, mit starken Mauern umgebenen Kirchhof eine Wehrkirche. Wahrscheinlich hat man den alten Unterteil des Turmes in das 1489 geweihte, zweite Gotteshaus eingebaut.
Diese zweite Kirche, dem Heiligen Nikolaus und der Heiligen Katharina geweiht, ist das älteste Bauwerk der Gemeinde und eine der wenigen vorreformatorischen Zeugnisse in unserer Gegend. Das klar gegliederte Rippengewölbe des Chores zeugt von hoher Baukunst. Hier standen fast 400 Jahre ein spätgotischer Flügelaltar, heute im Landesmuseum von Kassel, sowie ein gotischer Taufstein, jetzt im Universitätsmuseum von Marburg.

Die Reformation hinterließ in Kirche und dem laut Salbuch von 1553 auf 300 Seelen angewachsenen Dorfe keine großen Spuren. Der jetzt reformierte Priester kam weiterhin aus Lichtenau und die drückenden Abgaben mußten weiterhin zum Renthof nach Cassel gefahren werden.

Wann das örtliche Schulwesen begann, wissen wir nicht. Aber im Jahr 1628 wird laut Totenbuch der Kirchengemeinde Lichtenau, des Schuldieners Johannes Ruland Töchterlein begraben, dies ist der bisher früheste Hinweis auf eine Schule in Fürstenhagen. Das erste Schulhaus lag dort wo sich noch heute das Pfarrhaus von Fürstenhagen befindet.

Einschneidender für unsere Vorfahren war dann der Dreißigjährige Krieg. Isolany und seine Kroaten, später Schweden, Marodeure und Strandgut dieses Völkermordens schlugen tiefe Wunden. Ein Glück, daß das Lossetal weitgehend versumpft war und die Hauptverbindungsstraße von Helsa über die heutige Friedrichsbrücker Höhe verlief. Trotzdem waren die Schäden auch bei uns ungeheuerlich. In der Bestandsaufnahme der Landgräfin Amalie nach dem Kroatenjahr 1637 (Milbradts Register) hatte Fürstenhagen zwar noch 41 Höfe, besser gesagt, Katen. Bei 15 Anwesen fehlte aber der Mann, wahrscheinlich in den Wirren oder bei der Verteidigung Lichtenaus umgekommen. Ein Pferd, 17 Kühe und drei Ziegen werden registriert, weniger als 10% der 200 Hektar-Flur sind bestellt.

Seit 1654 sind die landgräflichen Forellenfänger in Fürstenhagen ansässig. Sie befischten für den Hof in Cassel die sehr ergiebigen Bäche der Umgebung und bewirtschafteten auch den über 1 Hektar großen Teich vor der Diebhecke, wahrscheinlich auch den beim späteren Gut Teichhof, unweit der Einmündung des Steinbaches in die Losse. In der kurhessischen Zeit wird dann dieser landgräfliche Forellenfänger zu Fürstenhagen in die Forstverwaltung integriert.

Die lange Regierungszeit des Patronatsherrn, Landgraf Carl (1670-1730), bringt einen ganz langsamen Aufschwung.

Im Siebenjährigen Krieg wird der Ort von französischen Truppen des Generals Broglio besetzt. Es wird geplündert, aber nicht gesengt.

Zum Ende des Jahrhunderts und zum Ausklang der Landgrafenzeit kam durch Vermietung von Hessischen Truppen an England Geld in die Hessische Staatskasse. Auch siebzehn Söhne aus Fürstenhagen kämpfen im amerikanischen Unabhängigkeits-Krieg jenseits des Ozeans. Elf dieser Männer sind wieder nach Hause gekommen, vier sind Gefallen und zwei sind nach Kriegsende in Amerika geblieben.


Rechnen wir dem vergeblichen Einsatz dieser siebzehn Söldner in der neuen Welt die Generalüberholung unserer Kirche und den neuen Kirchturm mit dem barocken Helm (1791) zu. 1807 hieß es dann an der Losse: „Neue Herren, neues Glück“! König Jerome, von Napoleons Gnaden, trat an Stelle des 1803 zum Kurfürst beförderten Patronatsherrn. Seine Contributions-Akte (Abgabenordnung) für unser Dorf war nicht gerade rücksichtsvoll. Inzwischen näherte sich der Ort der 600 Einwohnergrenze. Der Kurfürst kam nach der Völkerschlacht von Leipzig zurück. Vorher gaben Kosaken einer russischen Befreiungsarmee Fürstenhagen einen weiteren internationalen Anstrich. Sie hausten auf der Mühlenwiese, etwa beim heutigen Kindergarten.

Dann wurde der Kreis Witzenhausen geschaffen und Fürstenhagen mit Quentel seine westlichsten Grenzorte zum Landkreis Kassel hin.

1832 wurde dann die Verbindungsstraße von Kassel gen Osten durch das ganze Lossetal gelegt und unser Dorf rückte der weiten Welt damit ein Stückchen näher. Das war schon praktisch für ca. 150 Gemeindemitglieder, die mit Hilfe eines Auswandererbüros nach Amerika, ausnahmslos nach Texas, auswanderten.

Mit dem Ende der kurfürstlichen Zeit kamen die Preußen und der „Krawaller“ (1866). Dieser im ganzen Hessenland bekannte Schalkswirt, Johannes Kregelius, betrieb seine Wirtschaft an der neuen Leipziger Straße und machte durch Gauden und Schwänke Fürstenhagen in der Literatur bekannt. Seine Kneipe profitierte auch stark durch die ab 1876 gebaute Cassel-Waldkappler-Eisenbahn. Im Dezember 1879 wurde der Bahnhof Fürstenhagen H.N. (das heißt in der preußischen Provinz Hessen-Nassau) und die Strecke dem Verkehr übergeben.

Kassel mit seiner aufkommenden Industrie rückte näher. Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde die großherzige Millionen-Stiftung des Andre Lenoir und seines weniger begüterten Bruders Konrad mit drei großen Waisenhausgebäuden am Ostrand des Dorfes errichtet. Über einige Umwege, wie Gebietsführerschule, U.S.-Hotel, Sammelplatz für Vertriebene, wurde später dort die Sozialpädagogische Lehranstalt Kassel, das Auguste-Förster-Haus, etabliert.

Die Neuzeit mit zwei verlorenen Weltkriegen, der Bau einer Munitionsfabrik im nur zwei Kilometer nördlich gelegenen Waldgebiet, im vormals Deutsch-Ritterorden-Besitz Hirschhagen, kamen dann auf uns zu. Zunächst mußten Unterkünfte für die Bauarbeiter geschaffen werden, dann für Beschäftigte der Fabrik und ihre Familien (Siedlung), später für Fremdarbeiter die verschiedensten Läger und schließlich nach 1945 für fast 400 zwangsausgesiedelte Heimatvertriebene aus dem Osten. Das alles stellte die Struktur des Dorfes Fürstenhagen auf den Kopf und ließ den Ort aus den Nähten platzen. Man war bei ca. 2.500 Einwohnern angelangt. Es kamen dann etwa 30 Jahre Umschichtung, Entwicklung und Aufbau auf der günstigen Welle des Wirtschaftswunders.


Ende Juli 1962 feierten wir dann an Losse und Fischbach unser „Jahrhundert-Fest“, die 650 Jahrfeier der damals ersten urkundlichen Erwähnung und damit verbunden die Einweihung einer für die ganze Umgebung richtungsweisenden Mehrzweck-Halle. Es begannen Kontaktaufnahmen mit der österreichischen Gemeinde Schlierbach und der kleinen französischen Stadt Orgelet, die 1968 in der Ringverschwisterung dieser drei Orte ihren Höhepunkt fanden.


Mit dem 1. Januar 1974 wurde Fürstenhagen aufgrund der Landesgesetze in die Nachbarstadt Hessisch Lichtenau zwangseingemeindet. Das traf ein gut entwickeltes Gemeinwesen besonders schmerzlich. Der Ort besteht heute aus ca. 400 Häusern, zwei Industriebetrieben und einer Vielzahl von Handwerks- und Gewerbebetrieben. Nur noch drei Vollerwerbsbauern, eine Geflügelfarm und ein Dutzend Feierabend-Landwirte halten die etwa 550 Hektar-Feldflur in Schwung. Die Mehrzahl der Bevölkerung fährt nach Bettenhausen, Baunatal, Lichtenau und Hirschhagen zum Broterwerb. Es wird demonstriert, daß man in einer Auspendlergemeinde durchaus leben kann.

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